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Kreativ sein ohne Talent: Warum du überhaupt kein „Kreativtyp“ sein musst

Kreativ sein ohne Talent: Warum du überhaupt kein „Kreativtyp“ sein musst

„Ich bin leider überhaupt nicht kreativ.“ Diesen Satz hört man erstaunlich oft. Beim Basteln mit Freund, in einem Workshop, beim Zeichnen oder wenn jemand ein selbstgemachtes Kleidungsstück zeigt. Während die eine Person scheinbar mühelos eine Idee nach der anderen entwickelt, sitzt die andere daneben und denkt: Das könnte ich niemals.

Aber stimmt das wirklich? Sind manche Menschen einfach kreativ – und andere eben nicht? Nein.

Kreativität ist kein Talent, das man entweder bei der Geburt mitbekommen hat oder nicht. Sie ist vielmehr eine Fähigkeit, die wir alle benutzen können. Jeden Tag. Oft ohne es überhaupt Kreativität zu nennen.

 

Kreativität beginnt nicht mit einem Meisterwerk

Vielleicht liegt unser Problem schon darin, dass wir Kreativität viel zu oft mit großen Ergebnissen verbinden.

Mit einem tollen Gemälde. Einem perfekt eingerichteten Zuhause. Einem selbst entworfenen Kleid. Einer genialen Geschäftsidee. Oder einem Instagram-Post, bei dem man denkt: Wow. So etwas würde mir niemals einfallen.

Dabei beginnt Kreativität viel früher. Sie beginnt mit einer Frage: Was wäre, wenn …?

Was wäre, wenn ich diese Farbe mit einer anderen kombiniere? Was wäre, wenn ich aus dem alten Stoff noch etwas Neues nähe? Was wäre, wenn ich das Rezept ein bisschen verändere? Was wäre, wenn ich diese Vase nicht kaufe, sondern selbst aus Ton forme? Was wäre, wenn ich die Wand einfach anders streiche? Kreativität bedeutet zunächst einmal nicht, etwas Geniales zu produzieren. Kreativität bedeutet, Möglichkeiten zu sehen.

 

„Ich kann das nicht“ ist oft eigentlich etwas anderes

Wenn Menschen sagen, dass sie nicht kreativ sind, meinen sie häufig gar nicht: Ich habe keine Ideen. Oft steckt etwas anderes dahinter: „Ich kann es nicht so gut wie andere.“ Und das ist ein großer Unterschied.

Denn natürlich kann jemand, der seit zehn Jahren zeichnet, besser zeichnen als jemand, der heute zum ersten Mal einen Bleistift in die Hand nimmt. Natürlich kann eine erfahrene Keramikerin besser mit Ton umgehen als jemand, der gerade seine erste Schale formt. Natürlich näht eine Schneiderin sauberer als jemand, der zum ersten Mal eine Nähmaschine ausprobiert. Aber daraus folgt nicht, dass die Anfängerin nicht kreativ ist. Sie ist einfach Anfängerin. Und Anfänger dürfen Anfänger sein.

 

Kreativität braucht Übung – nicht Talent

Wir akzeptieren bei fast allen anderen Fähigkeiten, dass man sie lernen muss. Niemand erwartet, beim ersten Klavierspielen einen Chopin spielen zu können. Niemand setzt sich zum ersten Mal aufs Fahrrad und fährt sofort einen perfekten Slalom  Und niemand würde sagen: „Ich kann leider keinen Sport – ich bin einfach kein Sporttyp“, nachdem er einmal fünf Minuten joggen war.

Bei Kreativität sind wir dagegen oft erstaunlich streng mit uns selbst. Wir erwarten beim ersten Versuch ein Ergebnis, das aussieht, als hätten wir es schon hundertmal gemacht. Dabei entsteht Können genau dort, wo wir anfangen, etwas auszuprobieren.

Kreativität ist wie ein Muskel: Je öfter wir sie benutzen, desto leichter fällt sie uns.

 

Der wichtigste Schritt: etwas schlecht machen dürfen

Das klingt banal. Ist aber wahrscheinlich eine der größten kreativen Freiheiten überhaupt: Du darfst etwas schlecht machen. Deine erste Zeichnung darf schief sein. Dein erster Töpferbecher darf aussehen wie ein kleiner Blumentopf. Dein selbstgenähtes Kissen darf eine krumme Naht haben. Dein erster Versuch mit Aquarell darf aussehen wie ein Wetterbericht. Und dein selbstgebautes Regal darf vielleicht nicht ganz gerade sein.

Na und? Das Entscheidende ist nicht, dass am Ende sofort ein perfektes Ergebnis auf dem Tisch steht. Das Entscheidende ist, dass du etwas ausprobiert hast. Denn erst beim Machen passiert das Interessante: Wir entdecken, was funktioniert – und was nicht. Wir verändern. Wir verwerfen. Wir probieren noch einmal. Und irgendwann entsteht etwas, das wir vorher noch gar nicht genau vor Augen hatten.

 

Inspiration ist kein Betrug

Eine weitere Kreativitätsbremse ist die Vorstellung, dass eine wirklich kreative Idee komplett neu und aus dem Nichts entstehen muss. Muss sie nicht. Wir alle lassen uns inspirieren. Von Büchern, Bildern, Natur, Architektur, Mode, anderen Menschen, Reisen, Materialien oder Dingen, die wir irgendwo gesehen haben.

Eine Idee darf Ausgangspunkt für eine andere Idee sein. Du kannst ein Rezept verändern. Eine alte Technik neu interpretieren. Ein Möbelstück nachbauen und an deine Bedürfnisse anpassen. Ein Muster vereinfachen. Eine Farbe austauschen. Oder aus fünf verschiedenen Ideen etwas völlig Eigenes entwickeln.

Kreativität bedeutet nicht, aus dem Nichts zu erschaffen. Sie bedeutet, Dinge miteinander zu verbinden.

 

Hände helfen beim Denken

Und genau deshalb ist Selbermachen so spannend. Denn Kreativität passiert nicht nur im Kopf. Sie passiert auch in unseren Händen.

Wenn wir zeichnen, nähen, kochen, bauen, pflanzen, modellieren oder schreiben, bekommen unsere Gedanken eine Form. Wir können etwas ausprobieren, ohne vorher genau zu wissen, wohin es führt. Ein Stück Papier wird gefaltet. Ein Stück Holz wird gesägt. Teig wird geknetet. Wolle wird Masche für Masche zu einem Stück Stoff. Ton wird gedrückt, gedreht und geformt. Aus einer Idee wird etwas Greifbares.

Und manchmal entsteht dabei sogar eine Idee, die wir vorher noch gar nicht hatten.

 

Kreativität braucht Neugier

Vielleicht ist deshalb nicht Talent die wichtigste Voraussetzung für Kreativität. Sondern Neugier. Die Bereitschaft, etwas auszuprobieren. Eine Frage zu stellen. Einen Umweg zu gehen. Etwas anders zu machen. Oder einfach einmal zu denken: Was passiert, wenn ich das jetzt so mache?

Diese Haltung kann man trainieren. Zum Beispiel, indem du dir kleine kreative Aufgaben stellst:

  • Male etwas mit nur zwei Farben.
  • Koche ein Gericht mit drei Zutaten, die noch im Kühlschrank liegen.
  • Repariere etwas, statt es wegzuwerfen.
  • Fotografiere zehn Dinge in deiner Umgebung, die du normalerweise übersiehst.
  • Verwende ein Material auf eine Weise, für die es eigentlich gar nicht gedacht ist.
  • Schreibe fünf Minuten lang, ohne den Stift abzusetzen.
  • Nimm einen Gegenstand und überlege dir drei völlig andere Verwendungsmöglichkeiten.

Es geht dabei nicht darum, etwas Vorzeigbares zu produzieren. Es geht darum, dein Gehirn wieder ins Ausprobieren zu bringen.

 

Und was ist mit Menschen, die „einfach kreativ“ wirken?

Ja, es gibt Menschen, denen bestimmte Dinge scheinbar leichtfallen. Sie haben vielleicht früh angefangen, viel ausprobiert oder bestimmte Fähigkeiten besonders lange trainiert. Manchmal haben sie auch einfach ein gutes Gespür für Farben, Formen, Materialien oder Sprache.

Aber auch das ist nicht das Ende der Geschichte. Denn Kreativität ist kein Wettbewerb. Du musst nicht kreativer sein als jemand anderes. Du musst auch keine „kreative Persönlichkeit“ werden. Du musst nur anfangen, deine eigenen Ideen ernst zu nehmen.

 

Vielleicht bist du längst kreativ

Vielleicht bist du sogar viel kreativer, als du denkst.

  1. Du findest eine Lösung, wenn etwas nicht funktioniert. 
  2. Du improvisierst beim Kochen. 
  3. Du stellst deine Möbel um, bis sich ein Raum richtig anfühlt.
  4. Du kombinierst Kleidung auf eine ungewöhnliche Weise.
  5. Du ziehst aus ein paar Pflanzenablegern neue Pflanzen.
  6. Du reparierst eine Schublade.
  7. Du findest eine bessere Methode, etwas zu organisieren.
  8. Du erzählst deinem Kind eine Geschichte, die du dir gerade ausgedacht hast.
  9. Du machst aus Resten ein Abendessen.

Das alles ist Kreativität. Kreativität muss nicht spektakulär sein. Sie steckt in unserem Alltag – überall dort, wo wir nicht einfach nur nach Anleitung funktionieren, sondern eine eigene Lösung finden.

 

Dein nächstes Projekt darf ganz klein sein

Wenn du dich bisher für unkreativ gehalten hast, musst du deshalb nicht gleich einen Töpferkurs buchen, eine Nähmaschine kaufen oder dein Wohnzimmer zur Kunstwerkstatt machen. Fang klein an.

  • Pflücke ein paar Blumen.
  • Backe etwas.
  • Zeichne zehn Minuten.
  • Repariere eine Kleinigkeit.
  • Falte etwas.
  • Schreibe eine Seite.
  • Pflanze einen Samen.
  • Oder nimm einfach etwas, das du ohnehin zu Hause hast, und überlege: Was könnte ich daraus machen?

Der Ausgang ist vollkommen offen. Und genau das ist der Punkt. Denn vielleicht stellst du am Ende fest, dass du gar kein „Kreativtyp“ werden musst. Du musst nur anfangen, kreativ zu sein. Und dann sehen, was passiert.

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