Termine

Eine Million Blüten: Rebecca Louise Law und die Schönheit der Vergänglichkeit

Eine Million Blüten: Rebecca Louise Law und die Schönheit der Vergänglichkeit

Was passiert, wenn wir Blumen nicht nur als Dekoration betrachten, sondern als Kunst, Erinnerung und Ausdruck unserer Verbindung zur Natur? Die britische Künstlerin Rebecca Louise Law verwandelt getrocknete Blüten, Gräser und Samen in beeindruckende Rauminstallationen. Ihre aktuelle Ausstellung „State of Nature“ in Schleswig-Holstein lädt dazu ein, die Natur mit neuen Augen zu sehen – und zeigt, wie viel Kreativität, Handarbeit und Bedeutung in einem scheinbar vergänglichen Material stecken.

 

Eine Million Blüten und eine besondere Idee

Stell dir vor, du betrittst einen Raum, in dem Blumen nicht in Vasen stehen, sondern von der Decke hängen. Millionen getrockneter Blüten bilden ein dichtes Geflecht aus Farben, Formen und Strukturen. Du gehst hindurch, entdeckst immer neue Details und wirst selbst Teil dieser blühenden Landschaft. Genau solche Erlebnisse schafft Rebecca Louise Law.

Die 1980 geborene britische Künstlerin ist international für ihre raumgreifenden Installationen aus natürlichen Materialien bekannt. Ihre Werke bestehen aus getrockneten Blumen, Blättern, Gräsern und anderen Pflanzenteilen, die sie einzeln verarbeitet und zu großformatigen Kompositionen zusammenfügt. Die Besucher können sich häufig mitten durch die Installationen bewegen und die Materialien aus nächster Nähe erleben.

Dabei geht es Law um weit mehr als die Schönheit von Blumen. Ihre Kunst beschäftigt sich mit unserer Beziehung zur Natur, mit Vergänglichkeit und Nachhaltigkeit, aber auch mit Zeit, Erinnerung und dem Wert der Dinge, die uns umgeben. 

Blumen sind ihre Farben, der Raum ist ihre Leinwand

Law beschreibt Blumen als eine Art dreidimensionale Farbpalette. Statt Farbe mit dem Pinsel auf eine Leinwand aufzutragen, gestaltet sie mit Blüten und Pflanzenteilen im Raum.

Die einzelnen Materialien werden dafür sorgfältig ausgewählt, vorbereitet, getrocknet und verarbeitet. Oft werden sie einzeln aufgefädelt oder aufgehängt. Erst in ihrer Gesamtheit entfalten sie ihre Wirkung: Aus unzähligen kleinen Elementen entstehen fließende Formen, dichte Vorhänge oder ganze Landschaften.

Was aus der Entfernung wie eine einzige große Blütenwolke aussieht, besteht aus vielen individuellen Pflanzenteilen. Jede Blüte hat ihre eigene Form, Farbe und Geschichte.mDas ist ein faszinierender Gedanke: Die große Wirkung entsteht nicht trotz der vielen kleinen Einzelteile, sondern gerade durch sie.

Und genau darin liegt auch eine Verbindung zum Selbermachen. Aus einem einfachen Naturmaterial wird durch Zeit, Aufmerksamkeit und handwerkliche Arbeit etwas vollkommen Neues.

 

Die Schönheit des Vergänglichen

Ein zentrales Thema in Laws Arbeit ist die Vergänglichkeit. Blumen sind schließlich keine dauerhaften Materialien. Sie wachsen, blühen, welken und kehren irgendwann in den natürlichen Kreislauf zurück.

Durch das Trocknen hält die Künstlerin einen bestimmten Zustand fest. Die Blüten sind nicht mehr frisch, aber auch noch nicht vollständig vergangen. Ihre Farben und Formen bleiben erhalten, verändern sich jedoch mit der Zeit. Law interessiert sich genau für diesen Zwischenzustand. Ihre Werke erinnern daran, dass Leben und Vergehen untrennbar miteinander verbunden sind. Ohne das Ende einer Blüte gäbe es beispielsweise auch keine Samen und kein neues Wachstum.

Die getrocknete Blume wird dadurch zu mehr als einem schönen Objekt. Sie erzählt von Zeit, Veränderung und der Fragilität des Lebens. Vielleicht schauen wir deshalb anders auf ein gepresstes Blatt oder eine getrocknete Blüte, wenn wir uns einmal bewusst machen, was darin steckt: ein Stück Natur, das einen bestimmten Moment überdauert hat.

 

„State of Nature“: Eine Ausstellung an vier Orten

Mit „State of Nature“ widmen die Landesmuseen Schleswig-Holstein Rebecca Louise Law vom 27. Februar bis zum 1. November 2026 eine umfangreiche Ausstellung. Sie verteilt sich auf vier Orte, die jeweils einen anderen Schwerpunkt ihrer künstlerischen Arbeit zeigen.

 

1. Florilegia – eine Million Blüten auf Schloss Gottorf

Auf der Museumsinsel Schloss Gottorf in Schleswig erwartet Besucher die Installation Florilegia in der Reithalle. Rund eine Million getrocknete Blumen aus Laws persönlicher Sammlung bilden einen raumgreifenden Erfahrungsraum. Ergänzt wird die Installation durch Bilder und Keramikarbeiten, die einen Einblick in rund zwei Jahrzehnte ihres Schaffens geben.

 

2. Honesty – die stille Schönheit der Silberblätter

Im Gottorfer Globushaus arbeitet Law mit den schimmernden Samenständen des Einjährigen Silberblatts (Lunaria annua). Die papierartigen, silbrigen Scheidewände der Pflanze erinnern an kleine, durchscheinende Münzen.

Unter dem Titel Honesty hängen Tausende dieser Pflanzenteile im Raum. Die Installation verbindet die feine Struktur der Pflanze mit der Architektur und dem botanischen Umfeld des historischen Gartens.

 

3. Grain – Getreide als Symbol für Leben und Fürsorge

Im Jüdischen Museum Rendsburg steht mit Grain das Getreide im Mittelpunkt. Weizen- und Getreideähren werden zu einer Installation, die sich mit Nahrung, Erinnerung, Dankbarkeit und Fürsorge beschäftigt.

Getreide ist eines der grundlegenden Lebensmittel der Menschheit. Es steht für Ernte, Versorgung und die Arbeit vieler Menschen, die notwendig ist, damit Nahrung entsteht.

 

4. The Field – eine Landschaft aus Hafer und Blumen

Im Freilichtmuseum Molfsee verbindet The Field Pflanzen, Landwirtschaft und gemeinschaftliches Arbeiten. Die Installation besteht aus Hafer und Blumen, die eigens für die Ausstellung angebaut und vor Ort gemeinsam geerntet, getrocknet und verarbeitet wurden.

Das Werk erzählt damit nicht nur von Natur, sondern auch von den Menschen, die mit ihr arbeiten. Wetter, Jahreszeiten, Boden und Ernte werden ebenso Teil der künstlerischen Idee wie die Pflanzen selbst.

Besonders schön ist, dass hier der Entstehungsprozess Teil des Kunstwerks wird. Die Installation trägt die Spuren gemeinsamer Arbeit in sich. 

 

Wenn Kunst gemeinschaftlich entsteht

Die Beteiligung anderer Menschen ist ein wichtiger Bestandteil von Laws Arbeit. Für State of Nature wurden an verschiedenen Standorten sogenannte Blomentüddel-Clubs ins Leben gerufen. Dort kamen Menschen zusammen, um Blumen und Getreide anzubauen, zu ernten, zu trocknen und für die Installationen vorzubereiten.

So beginnt das Kunstwerk nicht erst im Museum. Es entsteht bereits auf dem Feld, im Garten und bei der gemeinsamen Arbeit am Material.

Law versteht diese Zusammenarbeit als Möglichkeit, Menschen miteinander und mit ihrem jeweiligen Ort zu verbinden. Die Beteiligten hinterlassen Spuren im fertigen Werk – und werden Teil seiner Geschichte.

 

Ausstellungstipp: Rebecca Louise Law – State of Nature

Zeitraum: Nur noch bis 1. November 2026

Vier Ausstellungsorte in Schleswig-Holstein:

  1. Museumsinsel Schloss Gottorf, Reithalle – Florilegia
  2. Gottorfer Globushaus, Schleswig – Honesty
  3. Jüdisches Museum Rendsburg – Grain
  4. Freilichtmuseum Molfsee – The Field

Weitere Informationen, Öffnungszeiten und Eintrittspreise findest du auf der Website der Landesmuseen Schleswig-Holstein.

Du kannst dir außerdem auf der Website von Rebecca Louise Law Bilder der Installationen ansehen.

Weiterlesen

Rezept: Mandel-Marzipan Hefekranz